Fast jeden Tag werde ich noch auf Rudi angesprochen. Freunde und Bekannte fragen nach ihm, erinnern sich an Begegnungen oder erzählen, dass sie ihn vermissen. Deshalb habe ich seine Geschichte nun einmal aufgeschrieben.
Er trottelte ohne Leine durch die Straßen, kannte seine Wege, und die Kinder kannten seinen Namen. Eine Kindergärtnerin nannte ihn später das „Maskottchen des Kiezes“. Rudi war fast zehn Jahre lang weit mehr als unser Familienhund.
Wenn wir an der Kita oder an der Grundschule vorbeikamen, dauerte es oft nicht lange, bis irgendwo ein „Rudi!“ zu hören war. Dann blieb er manchmal stehen, manchmal trottelte er weiter, und manchmal entschied er erst nach einigen Metern, dass sich eine Begrüßung vielleicht doch lohnte. Abweisend war er nie. Aber er war eben ein Dackel – und ein Dackel entscheidet manche Dinge gern selbst. Rudi ging fast immer ohne Leine. Mal lief er ein Stück vor mir, mal blieb er zurück, weil irgendeine Spur dringend untersucht werden musste. Auf seinen Namen hörte er zuverlässig genug, um sich diese Freiheit leisten zu können.

Wir nannten ihn spaßeshalber den „feinen Herrn Rudi“. Das passte zu ihm. Er war ein kleiner Flaneur. Er ging nicht einfach nur Gassi, sondern bewegte sich durch sein Viertel mit der Selbstverständlichkeit eines Wesens, das davon ausging, dass es hier dazugehört. Und irgendwann gehörte er tatsächlich dazu. Erst nach seinem Tod brachte eine Kindergärtnerin es mit einem Satz auf den Punkt: „Rudi war das Maskottchen des Kiezes.“
Eigentlich hieß er Tobi vom Charlottenhof
In seinen Papieren stand ein anderer Name: Tobi vom Charlottenhof. Geboren wurde er am 7. Juni 2015, sein erstes Herrchen aber nannte ihn Rudi – und dabei blieb es. Sein damaliges Herrchen kannte ich aus der Oldtimerszene. Nachdem bei ihm eingebrochen worden war, hatte er sich den kleinen Langhaardackel angeschafft, durchaus auch als eine Art vierbeinige Alarmanlage. Später erkrankte sein Herrchen schwer und wurde bettlägerig. So kam ich zunehmend ins Spiel, half zunächst ein wenig und übernahm dann immer häufiger die Betreuung und die Spaziergänge mit Rudi. Als sein Herrchen Ende 2018 starb, musste eine neue Lösung für ihn gefunden werden.
Damals war überhaupt nicht vorgesehen, dass Rudi einmal unser Hund werden sollte. Wir machten deshalb einen Aufruf in der Nachbarschaft: „Ich suche ein neues Heim – hier im Dreh!“ Der Text war aus Rudis Sicht geschrieben. Darin erklärte er, dass ihn manche Nachbarn vielleicht ohnehin schon kannten, weil er gern einmal ausgebüxt war. Vor allem aber stand dort ein Satz, der im Rückblick fast wie die Überschrift über sein späteres Leben wirkt: „Ich möchte gerne hier im Dreh bleiben.“
Die Resonanz darauf war gewaltig. Mehr als 250 Menschen meldeten sich, aus der unmittelbaren Umgebung ebenso wie aus großer Entfernung. In meinen damaligen Notizen steht „von Moskau bis Graz“; Familien aus Uelzen, Nikolassee oder dem Schweizer Viertel schrieben ebenso wie Menschen direkt aus dem Kiez, die Hilfe oder eine vorübergehende Aufnahme anboten. Es war beeindruckend, welche Hilfsbereitschaft dieser kleine Hund auslöste.
Nur hatte Rudi offenbar andere Pläne. Ich wollte ihn nicht von einem Tag auf den anderen weggeben und nahm ihn zunächst zu uns. Wir machten lange Spaziergänge durch den Grunewald, meine Frau und unsere Kinder lernten ihn näher kennen – und Rudi erledigte den Rest. Irgendwann tagte der Familienrat, und das Ergebnis war einfach: Wir probieren es mit Hund. Als ich damals gefragt wurde, wie Rudi sich bei uns eingelebt habe, lautete meine Antwort: „Sehr gut. Wir sind jetzt einer mehr.“
Eine Kiezgröße auf vier kurzen Beinen
Mit Rudi änderte sich unser Alltag. Morgens ging es eine große Runde hinaus und abends noch einmal, bei Sonne, Regen oder Kälte. Was ohne Hund wahrscheinlich manchmal bei guten Vorsätzen geblieben wäre, wurde zur täglichen Selbstverständlichkeit. Rudi hatte dabei seine Eigenheiten: Leinen und Socken eigneten sich hervorragend als Beute, den Staubsauger mochte er überhaupt nicht, und wenn draußen gerade nichts Wichtigeres zu erledigen war, gehörte das Sofa zu seinen bevorzugten Plätzen – möglichst angekuschelt.
Sein eigentliches Revier aber lag draußen. Im Laufe der Jahre merkten wir, wie bekannt er geworden war. Für uns war es normal, dass Kinder seinen Namen riefen, auf ihn zukamen oder ihn streicheln wollten. Die Kinder aus der nahegelegenen Kita und der Grundschule kannten ihn. Manche entdeckten ihn schon aus der Entfernung. Rudi nahm diese Aufmerksamkeit mit seiner typischen Gelassenheit hin. Er stürmte nicht auf jedes Kind zu, manchmal kam er, manchmal schaute er nur, manchmal musste erst noch eine Geruchsspur zu Ende untersucht werden. Aber er war freundlich, ruhig und nie abweisend.
Schon 2019 hatte ich in einem Interview scherzhaft gesagt: „Rudi wird wohl eher eine Kiezgröße bleiben.“ Damals war das eine beiläufige Bemerkung über einen Dackel, der durch seine kleinen Ausflüge und den großen Vermittlungsaufruf bereits eine gewisse Bekanntheit erreicht hatte. Später war es einfach wahr. Der feine Herr Rudi war zum Flaneur seines Viertels geworden.

Anfang 2025 bekam Rudi noch einmal eine ganz andere Öffentlichkeit. Im Bundestagswahlkampf trat ich erstmals als Direktkandidat stärker in Erscheinung – und Rudi wurde zum Hingucker eines meiner Wahlplakate. Unter seinem Bild stand schlicht: „2025 wird besser.“ Das Motiv fiel auf. Es wurde im Internet-Blog Rabbit diskutiert und schaffte es sogar in die Märkische Allgemeine Zeitung. Der Tenor war sinngemäß: Wir wünschen uns doch alle, dass es besser wird – dieses Plakat funktioniert.
Für mich war das besonders passend, weil Rudi längst Teil meiner täglichen Wege durch den Bezirk war. Wenn mich Menschen damals ansprachen, hieß es nicht selten: „Sie sind doch der Mann mit dem Hund.“
Ein Abend, der ganz normal begann
Am Abend des 10. Mai 2025 kamen wir von unserer Runde zurück. Rudi bekam einen getrockneten Bacon-Streifen als Leckerli, etwas vollkommen Alltägliches. Er knabberte daran und schluckte ein Stück herunter. Offenbar war der Streifen so scharfkantig abgebrochen, dass er Rudi im Rachen schwer verletzte. Es kam zu massiven Schnittverletzungen und Blutungen; Rachen, Luft- und Speiseröhre waren schwer betroffen, Blut gelangte in die Lunge. Bei der anschließenden Behandlung war eine Intubation wegen der Verletzungen im Rachenbereich nicht mehr möglich. Sein Kreislauf hielt der Situation nicht stand.
Ein gewöhnlicher Abend hatte mit einem Leckerli nach der Runde begonnen. Wenig später war Rudi nicht mehr da. Für uns war sein Tod ein Schock. Auf die Fassungslosigkeit folgte eine tiefe Trauer, und zunächst behielten wir die Nachricht für uns. Es dauerte, bis wir überhaupt darüber sprechen konnten, dass dieser Hund, der über Jahre so selbstverständlich zu unserem Alltag gehört hatte, plötzlich nicht mehr zurückkommen würde.
Als wir schließlich begannen, den Menschen im Kiez zu sagen, dass es Rudi nicht mehr gibt, merkten wir, wie sehr er auch zu ihrem Alltag gehört hatte. Besonders die Reaktionen der Kinder haben mich berührt. In der Kita weinten Kinder, als sie davon erfuhren. Auch in der Grundschule gab es Tränen. Rudi war längst nicht mehr nur unser Hund gewesen.
Dabei musste er nichts Besonderes leisten. Er war weder Rettungs- noch Therapiehund. Mit seinem freundlichen Gesicht, seinem schönen vollen Fell und seiner ruhigen Art war er einfach eine kleine Schönheit der Natur. Vor allem aber war er Rudi: ein Langhaardackel, der regelmäßig vorbeikam, auf Zuruf manchmal reagierte und manchmal eben nicht, der keine Kunststücke vorführen musste und trotzdem von vielen gekannt und gemocht wurde. Vielleicht beschreibt ihn deshalb jener Satz der Kindergärtnerin besser als jede andere Würdigung: Rudi war das Maskottchen des Kiezes. Nicht gewählt, nicht dazu gemacht und schon gar nicht geplant. Er war es einfach geworden.
Hier im Dreh
Fast sieben Jahre zuvor hatten wir für Rudi ein neues Zuhause gesucht. Auf dem damaligen Flugblatt stand: „Ich möchte gerne hier im Dreh bleiben.“ Genau das hat er getan. Er blieb hier, wurde unser Familienhund, mein Begleiter auf unzähligen Runden und für viele Kinder zu einem vertrauten Gesicht auf vier kurzen Beinen. Er wurde zu einer jener kleinen Figuren eines Viertels, die nirgendwo verzeichnet sind und trotzdem ganz selbstverständlich zu einem Ort gehören.
Seine Urne ist heute bei uns. Wir werden sie in unserem Garten beisetzen. Die Gedenkplatte liegt bereits bereit. Auf ihr steht nichts weiter als sein Name: Rudi.
Mehr braucht es eigentlich nicht.

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