Kann man Christ sein und die AfD wählen? Ein kurzes Gespräch im Wahlkampf hat diese Frage erneut aufgeworfen. Für mich besteht hier kein Widerspruch. Denn Nächstenliebe bedeutet nicht, auf Recht, Ordnung und Verantwortung zu verzichten.

Vor einigen Tagen kam ich bei einer Verteilaktion mit einem Bürger ins Gespräch. Er vertrat die Auffassung, christliche Nächstenliebe und die Wahl der AfD seien nicht miteinander vereinbar. Sein Argument: Vor Gott seien alle Menschen gleich.

Die Frage hat mich beschäftigt – nicht, weil ich an meinem christlichen Verständnis zweifle, sondern weil sie einen grundsätzlichen Punkt berührt. Für mich schließen sich christliche Nächstenliebe, die gleiche Würde jedes Menschen und das Eintreten für einen funktionierenden Rechtsstaat keineswegs aus.

Deutschland verfügt über weitreichende Schutz-, Asyl- und Sozialregelungen. Darauf können wir stolz sein. Gerade wenn wir diese Systeme dauerhaft erhalten wollen, müssen aber auch ihre Voraussetzungen eingehalten, Missbrauch verhindert und die tatsächliche Leistungsfähigkeit unseres Gemeinwesens berücksichtigt werden.

Nächstenliebe bedeutet nicht Grenzenlosigkeit

Christliche Nächstenliebe bedeutet für mich nicht, Rechtsbruch, Täuschung oder den Missbrauch gemeinschaftlicher Solidarität hinzunehmen.

Die Bibel verbindet Barmherzigkeit auch mit Wahrheit, Gerechtigkeit und persönlicher Verantwortung. Wer den Bedürftigen helfen will, muss deshalb darauf achten, dass Hilfsbereitschaft nicht überfordert oder missbraucht wird.

Politisches Handeln in unserem Staat richtet sich nach Verfassung und Gesetzen. Christliche Werte können dabei Orientierung geben. Daraus folgt aber nicht, dass jede politische Begrenzung von Zuwanderung oder jede Forderung nach der Durchsetzung geltenden Rechts unchristlich wäre.

Im Gegenteil: Auch ein solidarisches Gemeinwesen muss darauf achten, dass es dauerhaft handlungsfähig bleibt.

Was die „Arche“ aus ihrer täglichen Arbeit berichtet

In dem Gespräch wies ich auf das christliche Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“ um Pastor Bernd Siggelkow hin.

Die Arche praktiziert seit Jahrzehnten ganz konkrete Nächstenliebe. Sie kümmert sich um Kinder und Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen – unabhängig von Herkunft und Religion.

Gerade aus dieser täglichen Arbeit heraus warnen Siggelkow und andere Verantwortliche seit Jahren vor Kinderarmut, überforderten Schulen und sozialen Einrichtungen sowie vor erheblichen Problemen bei Migration und Integration.

Der langjährige Arche-Sprecher Wolfgang Büscher hat angesichts dieser Entwicklung sogar einen zeitweiligen Aufnahmestopp für weitere Flüchtlinge gefordert. Dahinter stand der Gedanke, sich zunächst ausreichend um diejenigen kümmern zu können, die bereits hier leben.

Ich halte diesen Zusammenhang für bemerkenswert:

Gerade Menschen, die christliche Nächstenliebe täglich praktisch leben, kommen aufgrund ihrer Erfahrungen zu dem Schluss, dass Hilfsbereitschaft auch Ordnung, Grenzen und funktionierende Strukturen braucht.

Das ist kein Widerspruch zur Nächstenliebe. Es ist eine Frage der Verantwortung.

Wem helfen wir, wenn die Strukturen überfordert sind?

Wenn Schulen, Kommunen, soziale Einrichtungen und Hilfsorganisationen dauerhaft an ihre Grenzen geraten, hat das Folgen.

Integration gelingt schlechter. Die Unterstützung für wirklich Schutzbedürftige wird schwieriger. Konflikte nehmen zu. Und irgendwann gerät auch die gesellschaftliche Bereitschaft unter Druck, solidarisch zu helfen.

Genau das sollten wir verhindern.

Eine verantwortungsvolle Politik muss deshalb beides miteinander verbinden: Menschlichkeit und Ordnung. Hilfe und Eigenverantwortung. Schutz für Bedürftige und die Durchsetzung geltenden Rechts.

Wer auf Fehlentwicklungen hinweist, stellt damit nicht die Würde anderer Menschen infrage.

Kein parteipolitischer Gegensatz

Mir geht es nicht darum, anderen Menschen vorzuschreiben, welche Partei sie zu wählen haben. Ebenso wenig sollte aber jemand für sich beanspruchen, aus dem christlichen Glauben nur eine einzige zulässige politische Antwort ableiten zu können.

Gerade deshalb wünsche ich mir eine offenere Diskussion – auch mit Menschen, die politisch ganz anders denken als ich.

Rechtsstaatlichkeit, geordnete Zuwanderung, gelingende Integration und wirksame Hilfe für tatsächlich Schutzbedürftige sollten kein parteipolitischer Gegensatz sein.

Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns weniger gegenseitig moralische Etiketten anheften und stattdessen gemeinsam fragen:

Was müssen wir verändern, damit Hilfe dort ankommt, wo sie wirklich gebraucht wird – und unser Gemeinwesen zugleich dauerhaft handlungsfähig bleibt?

Peer Döhnert